Sa

21

Jan

2012

Freiheit und Wildnis

Es scheint ein neues Hobby der Menschen zu sein. Wohin ich auch blicke sehe ich verkrüppelte Bäume, zurechtgestutzt und vernarbt, abgeholzte Wälder und Auen, Kraterlandschaften entlang den Flüssen. Alles muss kontrolliert und eckig und gerade und kurz sein, nichts darf so sein, wie es ist. Vielleicht merken manche Menschen gar nicht, dass sie selbst zurückgestutzt sind, dass sie selbst in ihrer Freiheit eingeschränkt sind, dass sie selbst nicht so sein dürfen, wie sie gerne möchten und es deshalb vielleicht unbewusst an ihren Bäumen und Gärten und Sträuchern auslassen? Wer hat jemals gesagt, dass Gärten eckig sein müssen, dass Gras nicht wachsen darf? Dass man alles stutzen und „pflegen“ muss, damit es „ordentlich“ aussieht? Dass man Unkraut ausreißen muss?
Können wir uns überhaupt noch erinnern, wie es war, als Kind barfuß durch eine hohe, blühende, bunte Blumenwiese zu laufen? Wie es war, den Sauerampfer direkt von der Wiese zu essen? Wo findet man heute noch solch eine Wiese? Wo findet man einen unberührten Wald? Wo verstecken sich eigentlich die vielen Tiere noch? Gibt es überhaupt noch welche? Ich sehe kaum noch Rehe oder Mufflons oder Hirsche oder Füchse. Früher hab ich genau gewusst, wo die Tiere zu sehen waren, ich habe mich immer gefreut, an bestimmten Stellen vorbei zu kommen und sie zu beobachten. Heute sind sie verschwunden, genauso wie die blühenden Wiesen. Alles ist eingezäunt mit meterhohen Zäunen. Wohin können die Tiere noch?
Als einmal jemand nach dem Weg zu mir fragte, antwortete ihm eine Dorfbewohnerin: „Da unten, das verwilderte Haus“. Was bedeutet VERWILDERT? Es wird abschätzig gesagt, aber es bedeutet doch eigentlich auch URSPRÜNGLICH. NATÜRLICH. Kein Zaun rundherum und keine Grenzen.
Zurück zur Natur. In meinem verwilderten Garten befinden sich Blindschleichen, Feuersalamander, Zauneidechsen, Igel und Tannenhäher, Krähen und Eichelhäher, Bienen und Schmetterlinge deren schwarze Raupen ich im Sommer in den Brennnesseln finde. Regenwürmer lockern unseren Boden auf, es gibt Spinnen und Libellen, sogar Kaulquappen in einem Wasserbecken auf der Terasse.
Lasst doch die Bäume in den Himmel wachsen. Schafft Verstecke für Tiere, schafft Wiesen für die Kinder, lasst Blumen blühen und seht es nicht als MIST wenn die Linde Blätter verliert sondern als Geschenk! Wir achten nicht mehr auf die Pflanzen, wissen nicht, wozu sie uns dienen, welchen Tee sie gäben, wenn wir sie erkennen würden.
Es heißt, das was rund ums Haus wächst, ist auch gut für uns. Wenn wir alles immer nur schneiden und stutzen und kontrollieren, dann MEINEN wir nur, alles im Griff zu haben.
Genau genommen aber entfernen wir uns nur immer weiter von dem, was uns heilt und gut tut.
Wir dürfen nie vergessen, dass wir selbst Natur sind! Die Natur ist nicht DA DRAUSSEN und sie ist nicht gefährlich! Wir können nicht „raus gehen in die Natur“. Wir selbst SIND Natur, durch und durch!
Und alles was wir der Natur im Außen antun, tun wir uns selbst an.
Lest die folgenden Zeilen und spürt mal nach, wie es sich anfühlt….

„Ich ziehe Schuhe und Socken aus und trete barfuß in die kniehohe Wiese. Es kribbelt und kitzelt an meinen Beinen, Schmetterlinge fliegen vor mir her und ich beginne zu laufen. Das hohe Gras schlägt gegen meine Beine, manchmal sticht es ein bisschen aber ich lache und laufe weiter und atme den Duft von Wiesenblumen und Kräutern. Eine Libelle schwirrt an mir vorüber, ein kleiner Bach gluckert und murmelt und verschwitzt setze ich mich an sein Ufer um meine Beine im eiskalten Wasser abzukühlen, spüre die glatten Steine unter meinen Fußsohlen, sehe kleine Flusskrebse und winzige Kaulquappen… Zwischen den Grashalmen am Ufer beobachte ich kleine grün schillernde Käfer und Ameisen.
Ein großer Baum wirft einen Schatten auf die Wiese und ich setze mich darunter, einen Grashalm zwischen den Lippen an dem ich herum kaue.
Ich lausche der Stille um mich herum, höre in weiter Ferne Kinderlachen, am blauen Himmel ziehen weiße Wolken vorüber und ich denke mir Phantasiegeschichten zu ihren Figuren aus.
Gedankenverloren flechte ich mehrere Grashalme zusammen und stecke Gänseblümchenköpfe in die Zwischenräume.
Danach mache ich mich auf den Heimweg, ich pflücke einen Strauß Blumen für meine Mutter und freue mich darauf, sie damit zu überraschen.“

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Kommentare: 6

  • #1

    Alena (Samstag, 21 Januar 2012 13:25)

    Liebe Sonja!

    Jaaaa, ich versteh Dich total! Sollte ich mal in den Genuss kommen, einen Garten hüten zu dürfen, würde der auch recht wild ausshen!
    Aber ich hab ein aber :-))) ! Ich selbst würde mich als Hüterin des Ganzen sehen. Und da müsste dann schon auch mal was geschnitten werden. Aber keineswegs weil ich das schön finden würde!! Sondern damit Bäume nicht auseinanderbrechen oder ähnliches.
    Zu Deiner Wiesenbeschreibung: das hört sich fantastisch an! Aber leider zeigt meine Erfahrung was anderes: Wir nutzen ein kleines, recht wildes Grundstück einer Freundin z.B. für Schwitzhütten. Das ist auf einer Insel. Da wächst das (nicht einheimische) Springkraut bis bestimmt 2m hoch, verdrängt die einheimische Flora total. Da muss man leider Geschütze auffahren. Nicht nur, um den einheimischen Pflanzen noch 'ne Chance zu geben, auch, weil sich darin Trilliarden von Stechmücken aufhalten. Wenn ich mich dort aufhalte, muss ich mich vorbereiten in der Form, dass ich mich mit Zedan o.ä. einschmieren muss. Das ist so nervig! Tue ich das nicht, beissen mich die Bremsen, stechen mich die Stechmücken (jeder Stich hält bei mir Wochen und entzündet sich auch gerne mal) und auch die Kriebelmücken sind da in Massen und nicht ohne! Die saugen den Saft vom Gras im Umland und das ist nicht selten gespritzt. Oft genug haben wir dann, wenn die Kriebelmücke bei uns was, dick geschwollene Stellen :-(( . Ich liebe ja die Natur, hänge so gerne meine Beine in den Bach, aber dass ich so lecker für die Insekten bin, trübt mir oft die Freude!
    Dann gehen wir hier unheimlich gerne im Wald spazieren. Aber im Sommer heißt's danach gleich nackig ausziehen, Klamotten in die Wanne und nach Zecken absuchen! Und nicht selten finde ich trotzdem noch über Tage verteilt bis zu 7 oder 8 Zecken an meinem Kind! Und hier ist Borreiose- und FSME-Gebiet. Gut, ich mach mich da nicht fertig, zieh die Tierchen halt raus, aber schön ist das nicht! Einfach spontan ohne Vor- und Nachbereitung sich in Wald und Flur stürzen is nicht. Ich vergess das oft genug und hab dann den Salat...
    Auch deswegen (Zecken und Steckmücken) würde es auf meinem wilden Grundstück ein Fleckchen geben, das gemäht ist. Für die Kinder zum mal völlig unvorbereitet ausgelassen spielen. Nach dem Besuch anderer Gebiete muss dann halt wieder abgesucht werden...

    Liebe Grüße, Alena

  • #2

    Nerthus (Samstag, 21 Januar 2012 16:36)

    Ich habe ein kleines Stück Wald (ca. 1000 qm) und seitdem es mir gehört, darf dort niemand etwas verändern, Zäune ziehen etc.
    Dort steht auch noch ein Holzgartenhäuschen, das meine Eltern dort vor über 35 Jahren hingestellt hatten. In diesem Häuschen leben Vögel und Insekten, früher auch wilde Bienen...es gibt eine recht große Lücke über der Tür, durch die die Tiere hineinkönnen...seitdem ich weiß, dass dort Tiere ihr Zuhause haben, ist das Häuschen für mich tabu...dieses Stück Wald ist sich selbst überlassen und das wird so bleiben, solange ich lebe...
    Jeder Mensch sollte so ein Stück Wald haben...

    Was Zecken angeht, die gibt es dort auch und da ich gerne im Sommer mit Birkis durch die Wälder gehe, sprühe ich mich entweder mit Kölnisch Wasser ein oder reibe mich mit Lavendel/Nelkenöl ein...
    Liebe Grüße
    Nerthus

  • #3

    birgit (Samstag, 21 Januar 2012 16:47)

    ja genau so ist der gegensatz
    mensch stellt sich über die natur
    entscheidet was gut oder eklich ist
    was heimisch oder fremd ist
    was sein darf und was nicht
    schonmal von einem baum gehört der sagt
    die fabrik ist krankmachend und gehört beschnitten...
    naja der löwenzahn *giggle*
    lg birgit

  • #4

    Satiah (Samstag, 21 Januar 2012 23:10)


    Du sprichst mir so sehr aus dem Herzen!

    Auch bei uns in Deutschland kreischen die Motorsägen ständig und es geht Ästen, Büschen und Bäumen an Alleen, in Gärten und im Wald gnadenlos an den Kragen. Und das nicht mal „nur“ in den Wintermonaten, sondern auch im Frühjahr und im Sommer, wenn die Vögel ihre Nester gebaut haben, um ihre Jungen aufziehen. Manchmal glaube ich, es gibt keinen Baum mehr, dem man nicht schon in dieser Form Gewalt angetan hat. Manche großen Bäume werden so „zurückgeschnitten“, dass nur noch traurige Stümpfe zum Himmel ragen. Die, wenn überhaupt, Jahre brauchen, um sich davon zu erholen. Für die meisten von ihnen ist es sowieso das Todesurteil. Alles Laub wird entfernt und die Igel, die dann keinen Winterunterschlupf mehr finden müssen erfrieren oder werden rücksichtslos überfahren. Dann brauchen sie kein Quartier mehr. Problem gelöst! Aus die Maus!

    Vor unserem Haus, an der Straße wurden im Frühling mindestens 20 zum Teil blühende Zier- und Wildkirschen zu Gunsten eines Parkplatzes gefällt. Zwei kerngesunde Birken wurden im Park direkt vorm Haus abgesägt als sie gerade ihre Kräfte sammelten, um Blätter zu treiben. Sie könnten eines Tages auf den Weg fallen, war der Grund. Sie wurden „vorsorglich entfernt“, haben wochenlang ihr Blut über die traurigen Stümpfe und Wurzeln ergossen. Mir kommen die Tränen, sooft ich daran vorübergehen muss. Ich habe mit ihnen geredet und sie von Herzen bedauert und betrauert.

    Sonja, ich sehne mich so sehr nach solchen Wiesen, wie ich sie aus meiner Kindheit noch kenne und wie Du sie beschrieben hast. Sobald sich ein Gänseblümchen zeigt und sein Köpfchen in die Sonne reckt, den hungrigen Bienen entgegen, schon wird es abgemäht. Ich hatte gehofft, dass dieser Wahn noch nicht überall angekommen ist. Schade. Scheinbar doch. :-((
    Mücken und Zecken gab es früher ja auch schon Aber man hat sich wohl nicht so große Gedanken darum gemacht wie heute.
    Wenn ein Ameisenhaufen im Zaun wächst muss Gift drauf. Baut sich ein wildes Bienevolk irgendwo an einem Baum eine Bleibe muss es weg! Sie könnten stechen. Hormissen fressen Mücken - aber sie sind gefährlich! Also Weg damit! Spinnen sowieso " Igitt Die sind hässlich, beißen und sind vielelicht giftig. Mindestens eklig! Macht sie tot!" Und wo sind die Glühwürmchen, die vielen Schmetterlinge, die Maikäfer, Frösche und Grillen, die im Sommer tanzten und die lauen Nächte mit ihrem Konzert erfüllten? „Zu laut Das stört! Die müssen weg! “ Der Rest fällt unter Kollateralschaden!
    Wenn aber eine Katze einen Vogel fängt, ist das Geschrei groß! Die Katze muss weg! Pfui! Vogelmörder! Wer fragt schon nach den armen Geschöpfen, die sich an überdimensionalen Fenster- oder Autoscheiben die Köpfe einrennen, die Tausenden Schwalben, die kein Nest mehr bauen können und aussterben, weil ihre alten Brutplätze zerstört werden und „weil sie zu viel Dreck machen“ Pech gehabt! Kollateralschaden!

    Sonja Du hast so Recht und spricht mir so sehr aus der Seele! Alles was nicht in die vorgefertigte Formen dieser „sauberen Gesellschaft“ passt, wird beschnitten und fällt der Ordnungswut zum Opfer. Und es sind, weiß der Himmel, nicht nur die Pflanzen und Tiere. Auch den Menschen geht es so. Nur manche wollen das einfach nicht wahr haben.


    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“


    Es tut sehr gut zu lesen, dass es auch noch Menschen gibt, die Natur, Natur sein lassen.
    Und es ist gegen so ziemlich alles ein Kraut gewachsen, dass nicht tötet, sondern einfach fern hält. Z. B. die Mücken. (Lavendelöl, Zitronen- und Duftpelargonie, Weihrauch- und Tomatenpflanzen, Tagetes im Garten, auf Balkon, am Fenster und der Terrasse. Blättchen der Zitronenmelisse auf der Haut verreiben. Meine Mutter trug mir als Kind auch verdünnten Essig mit einem Wattebausch auf. Zur Vorbeugung und auch wenn eines der kleinen Biester gestochen hatte. Essig desinfiziert, verhindert Entzündung und lindert den Juckreiz.) Auch Walnussbäume sollen die kleinen Plagegeister nicht sehr mögen. Wir haben zwei vor`m Fenster und selten Mücken. Nisthilfen für Vögel, die Mücken auf dem Speiseplan haben.

    *Räusper* Junger Löwenzahn schmeckt besonders im Frühjahr sehr gut als Salat. *zwinker* Und aus den Knospen und frischen Blüten kann man mit Zucker einen tollen "Honig-Sirup" machen. Schmeckt auf`s Butterbrötchen sehr lecker und ist gesund.


    Liebe Sonja, Birgit und Nerthus Es grüßt in tiefer Verbundenheit

    Satiah

  • #5

    Kati (Sonntag, 22 Januar 2012 22:55)

    Ich habe diesem Beitrag absolut nichts hinzuzufügen und bin der Meinung, dass man ihn auch mal in größeren Zeitungen abdrucken sollte!

  • #6

    Alena (Montag, 23 Januar 2012 14:00)

    Hallo!

    Nur dass ich hier nicht missverstanden werde, ich würde ein Waldstück auch wild werden lassen und auch mein Garten würde ganz sicher nicht ins deutsche Bild passen. Und klar schmier ich mich halt ein, wenn ich auf die Insel gehe. Ist halt so.
    Dass dieses Springkraut nicht einheimisch ist, habe nicht ich entschieden und ich sehe es deswegen auch nicht als böse an. Aber ehrlich gesagt kann ich nicht einerseits auf die Menschen meckern, die Bäume fällen (mach ich auch) und gleichzeitig zuschauen, wie diese Pflanze, die hier keinerlei Einschränkung erfährt, alle Pflanzen, die hier schon immer waren, einfach überwuchert und somit abtötet! DAS wäre wertend! Mensch = böse, Pflanzen und Tiere = gut. Mit dieser Rechnung gehe ich nicht mit! Der Mensch hat Verantwortung. Aber nicht an jedem Eck macht es Sinn, diese darauf zu beschränken, die Natur sich selbst zu überlassen. Und ich kenne Bäume, die einfach nur elendig verreckt wären, wenn man nicht (gefragt und mit Verstand natürlich) den einen oder anderen Ast abgesägt hätte. Mit einem kranken Tier geh ich doch auch zum Tierarzt und lass es nicht einfach verrecken, weil's "die Natur gerade voersieht"!

    Gruß, Alena

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